Foto von Tobias Friedrich

Das Wrack der SS Thistlegorm

Tauchen am Wrack der Thistlegorm ist ein Tauchgang in die Geschichte des zweiten Weltkrieges. Hintergründe und Tipps für Taucher.
Matthias Heine
23.10.19 21:00

Thistlegorm – die Geschichte der Versenkung, Teil 1

Am 5. Oktober 1941 erhielt das deutsche Kampfgeschwader 26 auf Kreta die Meldung über einen feindlichen Schiffskonvoi im Roten Meer. Aufklärungsflieger hatten sie auf einem Erkundungsflug entdeckt. Da das Gerücht kursierte, dass die berühmte „Queen Mary“ mit australischen Truppen an Bord zur Verstärkung der britischen Verbände in Nordafrika unterwegs sei, entschied man sich, sie abzufangen. Zwei Heinkel He 111 Bomber des sogenannten Löwengeschwaders wurden mit 2000 kg Spezialbomben zur Schiffsbekämpfung bestückt und in Marsch gesetzt.

Heinkel_He_111Bundesarchiv Bild 101I-424-0280-05, Flugzeug Heinkel He 111

Ihre Suche nach der „Queen Mary“ blieb erfolglos. Bereits auf dem Rückflug befindlich, entdeckten sie gegen 1:30 Uhr des 6. Oktobers 1941 einen Konvoi aus 16 Schiffen, unter ihnen die Thistlegorm, welcher vor der Einfahrt in Richtung Suezkanal vor Anker lag.

Der zweite Weltkrieg in Nordafrika

Nachdem Italien, als Verbündeter des Deutschen Reichs, Großbritannien den Krieg erklärt hatte, begannen im Herbst 1940 starke italienische Verbände den Angriff auf das britisch besetzte Ägypten. Den Briten gelang es zur Jahreswende den italienischen Angriff abzuwehren, den Gegner bis Libyen zurück zu drängen und beinahe zu vernichten. Anfang 1941 entsandte das Deutsche Reich das Afrika Korps, um diese Niederlage abzuwenden. Die Deutschen wendeten das Blatt und rückten ihrerseits gegen die britischen Verbände bis nach Tobruk vor.

TobrukSmith, N (Lt), No 1 Army Film & Photographic Unit, Schlacht um Tobruk

Hier hatten sich die Briten verschanzt und ein erbitterter Stellungskrieg begann. Das britische Oberkommando plante eine Gegenoffensive unter dem Namen „Operation Crusader“. Alles hing nun vom Nachschub für die britischen Streitkräfte ab, der über den Seeweg erfolgte.

Thistlegorm – die Geschichte der Versenkung, Teil 2

Am 2. Juni 1941 verließ die Thistlegorm den Hafen von Glasgow. Ihre 12.000 Seemeilen lange Route um das Kap der guten Hoffnung und durch den Suezkanal sollte sie in den Hafen von Tawfiq führen. Zwar war die Strecke um Afrika herum deutlich länger, als direkten Kurs durch das Mittelmeer zu nehmen, allerdings wurde das Mittelmeer, vor allem durch deutsche U-Boote, zum unkalkulierbaren Risiko. Im Hafen von Aden/Jemen stellte die britische Kriegsmarine am 24. September 1941 unter dem Schutz des Kreuzers HMS Carlisle einen Konvoi aus 16 Versorgungsschiffen zusammen.

HMS_CarlisleRoyal Navy official photographer, FL 5448, HMS Carlisle

Der Konvoi bewegte sich in Richtung Suezkanal. Die Durchfahrt war jedoch durch ein Wrack blockiert, so dass die Schiffe den Befehl erhielten, „Safe Anchorage F“, das Riff Sha’ab Ali, anzusteuern. Dort gingen sie für 10 Tage vor Anker. Der Name kam nicht von ungefähr: „Safe Anchorage F“ galt als relativ sicher vor deutschen Angriffen.

Thistlegorm – das Schiff

Die Thistlegorm lief am 9. April 1940 bei der Werft Joseph L. Thompson & Sons Ltd. In Sunderland vom Stapel.

Thistlegorm_1Red Sea Wreck Project, Thistlegorm

Der Frachter war eine Auftragsarbeit der Reederei Albyn Line und hieß ins Deutsche übertragen „Blaue Distel“.

LängeBreiteBruttoregistertonnenBesatzung
126 m 18 m 4898 39

Eine mit zwei Kesseln arbeitende Dampfmaschine verlieh dem Schiff eine Leistung von 1850 PS. Mit einer Schiffsschraube versehen, erreichte sie eine Spitzengeschwindigkeit von 10,5 Knoten.

Die Bewaffnung

Im Zuge der Indienststellung als Versorgungsschiff der Kriegsmarine wurden zwei 12 cm Flugabwehrgeschütze in Heck und Bug und Maschinengewehre montiert, welche von Navy Gunners bedient wurden.

Die Ladung

Auf ihrer 4. Fahrt als Versorgungsschiff transportierte die Thistlegorm neben verschiedener Munition, Torpedos und Waffen, zwei Dampflokomotiven Stanier 8F mit Schlepptender und Wasserwagen, Vickers Universal Carrier-Panzer, verschiedene Truppentransportfahrzeuge (Ford WOT2, WOT3, WOT1, Bedford MW, Bedford OY, Tilling Stevens TS-19), Motorräder (BSA M-20, Matchless G3L, Norton 16H), Flugzeugteile, Versorgungsgüter und Ersatzteile.

Thistlegorm – die Geschichte der Versenkung, Teil 3

Obwohl mitten in der Nacht entdeckten die beiden Heinkel He 111 Bomber der deutschen Luftwaffe den vor Sha’ab Ali, „Safe Anchorage F“, ankernden britischen Konvoi. Sie wählten die Thistlegorm als lohnendes Ziel aus und warfen gegen 1:30 Uhr ihre 2000 kg schweren Bomben ab. Eine Bombe traf den Frachtraum 4 nahe dem Heck des Schiffes. Es folgte eine fatale Kettenreaktion. Sowohl an Bord befindliche Munition, als auch die Kessel der Dampfmaschine explodierten, eine Dampflok wurde von Bord geschleudert, 9 Besatzungsmitglieder verloren ihr Leben. Innerhalb weniger Minuten, am frühen Morgen des 6. Oktobers 1941, klappte das Schiff wie ein Taschenmesser zusammen und versank. Der Besatzung der HMS Carlisle gelang es, sowohl die restlichen 30 Besatzungsmitglieder der Thistlegorm zu retten, als auch den angreifenden Heinkel He 111 Bomber abzuschießen. Die deutsche Besatzung überlebte und ging in Kriegsgefangenschaft.

Die Besatzung der HMS Carlisle wurde für ihren Einsatz mit zwei Orden geehrt und das Wrack der Thistlegorm zum Kriegsgrab erklärt.

Zwei Tage nach dem Unglück der Thistlegorm trafen Bomben desselben deutschen Geschwaders die Rosalie Moller und versenkten sie ebenfalls.

Thistlegorm – das Wrack

Jacques Cousteau und die Wiederentdeckung

Obwohl das Kriegsgrab der Thistlegorm regelmäßig geehrt wurde, war die genaue Lage des Wracks lange Zeit unbekannt. Erst Jacques Cousteau gelang 1955 die Wiederentdeckung. Seine Erkenntnisse veröffentlichte er, unter Geheimhaltung der Position, im „National Geographic“.

Die Thistlegorm und die Taucher

Mit dem aufblühenden Tauchtourismus gelang deutschen Tauchern nach systematischer Suche 1991 die erneute Wiederentdeckung der Thistlegorm. Seitdem gehört das Wrack zu den meist besuchten Tauchzielen des Roten Meeres, nicht immer zu ihrem Vorteil. Zahlreiche Ladungsgegenstände wurden von Plünderern entfernt. Die Ausatemluft der Taucher führte zu starker Korrosion der Innenräume und die Festmachleinen der Tauchboote rissen Teile der Deckausrüstung ab. Seit 2007 verstärken die ägyptischen Behörden ihre Bemühungen zum Schutz des Wracks. Hoffen wir das Beste!

Tauchen am Wrack der Thistlegorm

„Früher Taucher fängt den Wurm“ gilt an der Thistlegorm gleich in zweifacher Hinsicht:

  1. Im Laufe des Tages steigt die Zahl der Taucher immens an.
  2. Die Strömung am Schiffswrack, welche von Bug nach Heck verläuft, nimmt immer mehr zu.

Gast auf einer Tauchsafari zu sein, ist also deutlich der Anreise mit einem Daily Boot vorzuziehen. Safariboote steuern die Thistlegorm über Nacht an und ermöglichen den Gästen zumindest morgens halbwegs ungestörtes und entspanntes Tauchen.

Auf die Thistlegorm als Biotop einzugehen, würde diesen Artikel sprengen. Es sei nur so viel gesagt: neben Korallenbewuchs, haben sich zahlreiche Fischarten angesiedelt. Besonders beeindruckend sind Schwärme wunderschöner Fledermausfische.

Tauchsicherheit

Die geringe Tauchtiefe verschiedener Deckaufbauten und der überbordende Tauchtourismus führen bei manchen Tauchern zum Unterschätzen des Gefahrenpotenzials.

  • Tauchen am Schiffswrack der Thistlegorm ist kombiniertes Wrack- und Strömungstauchen!
  • Lampe, Boje und Tauchcomputer sind Pflicht - eine gute Tarierung und Erfahrung mit Tauchen in geschlossenen Räumen Voraussetzung.
  • Es wird nichts angefasst – zum Schutz des Wracks und zum Schutz des Tauchers vor beispielsweise Steinfischen.
  • Ein Mindestmaß an Kondition ist bei Strömung zwingend erforderlich.

Wenn man dann noch Luft und Nullzeit im Blick hat, steht einem einzigartigen Taucherlebnis nichts mehr im Wege.

Tauchen, Teil 1

Heck und Schiffsschraube (1) befinden sich am tiefsten Punkt des Wracks mit etwa 33 m. Mit etwas Glück hat euer Tauchboot hier geankert. Beim Umrunden des Wracks im Uhrzeigersinn passiert man das, auf dem Heck montierte, 12 cm Luftabwehrgeschütz (2) und ein Maschinengewehr (3).

MaschinengewehrJoakant, pixabay, Maschinengewehr (3)

Das Heck ist seitlich durch die Explosion weggeknickt. Vor einem öffnet sich der in Frachtraum 4 (4) gerissene Bombenkrater des deutschen Volltreffers. Neben Munitions- und Fahrzeugresten liegen hier teilweise zerstörte Panzer (5). Links neben dem Wrack findet man Teile der explodierten Dampfkessel (6) und die herunter geschleuderte Lokomotive (7).

BELOW_SURFACE_TOBIAS_FRIEDRICH_20181022__53I1953__1Tobias Friedrich, Dampflokomotive Stanier 8F (7)

Von nun an empfiehlt es sich, das Schiff weiter im Uhrzeigersinn zu umrunden und nach Passieren des Bugs auf Deckhöhe zu gehen. Hier befindet sich die mächtige Ankerwinde (8) der Thistlegorm.

20170704_BELOW_SURFACE_TOBIAS_FRIEDRICH__53I0636__1__1Tobias Friedrich, Bug mit Ankerwinde (8)

Auf der linken Seite des Wracks folgen der Wasserwagen (10), ein Torpedo (11) und ein Schlepptender (12). Ein kurzer Blick in die Frachträume 1 (9) und 2 (13) macht Vorfreude auf den zweiten Tauchgang.

20170704_BELOW_SURFACE_TOBIAS_FRIEDRICH_Unbenanntes_Panorama2-Bearbeitet__1Tobias Friedrich, Frachträume (9, 13)

Über die Kapitänskajüte (14) und den Krater von Frachtraum 4 (4) geht es zurück zum Luftabwehrgeschütz (2) und der Ankerleine.

Nummerierung: siehe Tauchen Teil 1 + 2

thistlegorm-nummerierung

Tauchen, Teil 2

Im zweiten Tauchgang nehmen wir vor allem den zerstörten Frachtraum 4 (4), als auch die Frachträume 1 (9) und 2 (13) näher unter die Lupe.

_53I5350__1Tobias Friedrich, Transporter, Motorrad (9, 13)

Lampen und eine entsprechende Taucherfahrung sind hier zwingend erforderlich. Belohnt wird man mit zahlreichen großen und kleinen Ausrüstungsgegenständen. Nehmt Euch die Zeit und schaut mal genauer hin.

_53I5433__1Tobias Friedrich, Transporter (9, 13)

Gummistiefel, Gewehre, Munitions- und Ausrüstungsteile und natürlich die obligatorischen Motorräder und Fahrzeuge warten auf Euch.

BELOW_SURFACE_TOBIAS_FRIEDRICH_20170703_20170703_BELOW_SURFACE_TOBIAS_FRIEDRICH__53I0536__1Tobias Friedrich, Motorrad (9, 13)

Fazit

Ein Schiffswrack ist immer nur so spannend, wie die Geschichte, die dahinter steckt. Dinge zu erkunden, die man sich vorher bildlich vorgestellt hat und deren Hintergrund man kennt, macht Wracktauchen zu einem echten Erlebnis. Und das Wissen, das es sich in den meisten Fällen um den Todesort von Menschen handelt, lässt einen zu einem respekt- und pietätvolleren Taucher werden.

In Gedenken an die gefallenen britischen Seeleute
Arthur Cain, 26
Archibald Gethin, 19
Alfred Oswald Kean, 68
Donald Masterson, 32
Joseph Munro Rolfe, 17
Kahil Sakando, 49
Christopher Todds, 25
Alexander Neil Bryan Watt, 21
Thomas Woolaghan, 24

Geschrieben von
Matthias Heine
Archäologe, Forschungstaucher, Tauchlehrer
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