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Wanderlust - Komodo – Flieg mit dem Manta Ray

Wanderlust besucht Komodo – Jurassic Park meets Umweltschutz - über Wasser warten Komodowarane, unter Wasser Manta Rays - einzigartige Begegnungen im Komodo Nationalpark
Matthias Heine
09.10.20 14:30

„Tauchen mit Freunden“ – also ein Gefühl der „Freundschaft“ kommt nicht unbedingt auf, wenn man immer wieder streng fixiert wird. Tim saß an eine Bretterwand gelehnt und quetschte das letzte Wasser aus seiner Flasche.

Nach seiner Landung auf dem Komodo Airport war er direkt zum „Manta Ray Diving Komodo“ Center gefahren. Es war eh noch zu früh, um in seinem Resort einzuchecken und so konnte er sich in Ruhe mit dem Dive Center und den optionalen Tauchtouren vertraut machen. Angekommen war er erstmal geschockt. Das Dive Center lag an einer staubigen Straße. Kein Strand in der Nähe. Das ganze hatte eher den Charme eines Handwerkerviertels. Verschlafene Betriebsamkeit. Definitiv kein Aussteigertraum. „So sehen also australische Geheimtipps aus.“ – dachte Tim. Pauline aus Canberra hatte ihm auf Bali den Tipp gegeben. „Wenn du im Komodo National Park tauchen gehen willst, dann achte bloß auf deine Guides.“ – hatte Pauline ihn gewarnt. „Die Strömungen zwischen den Inseln können die Hölle sein. Das „Manta Ray Diving Komodo Center“ ist gut.“

Tim hatte sich erstmal hingesetzt. „Schauen wir mal, was so passiert.“ – dachte Tim. Irgendwann hatte es sich ein junger Typ ihm Visavis bequem gemacht. Jedes Mal wenn Tim einen Schluck Wasser trank, verdunkelte sich dessen Blick. Tim hatte keinen Bock mehr. Kein Schwein hier, nichts sah nach Urlaub oder geilen Tauchgängen aus und dann noch dieser komische Typ. Er wollte nur noch schnell seine Plastikflasche entsorgen und dann abziehen. Nirgendwo war ein Müllcontainer zu sehen. Als er sich das zweite Mal um seine Achse gedreht hatte, stand plötzlich der Typ hinter ihm.

„Genau das ist das Problem!“ – sagte eine Stimme. Tim drehte sich um. „Was meinst du?“ – fragte Tim. „Überall schmeißen sie dir die Plastikflaschen hinterher, aber keiner kümmert sich um den Müll.“ – erwiderte der Typ. „Ich bin Derrick.“ „Hi, ich bin Tim.“ – stellte sich Tim vor. „Gehörst du zum Dive Center?“ – fragte Tim. „Ja.“ – antwortete Derrick. Die Situation entspannte sich. Derrick und Tim plauderten  über die besten Tauchplätze im Komodo National Park. „Was interessiert dich am Meisten?“ – wollte Derrick wissen. „Natürlich Manta Rays und eure Warane.“ – erklärte Tim. „Dann fangen wir morgen mit den Manta Rays an.“ – sagte Derrick. „Wir treffen uns 7.15 Uhr am Hafen.“

Tim hatte sich noch eine Weile mit Derrick unterhalten. Das Plastikmüllproblem war Tim nicht neu. Wie oft stand er auf seinem Südostasientrip an Traumstränden, die völlig von Plastik vermüllt waren. Das einheimische Interesse hielt sich häufig in Grenzen. Tim wollte nicht urteilen. Der Vorstoß der vermeintlichen „Zivilisation“ war zumeist dreifach in Plastikfolie eingewickelt und der wachsende Tourismus tat sein Übriges. Umso positiver war Tim von der örtlichen Initiative namens DOCK überrascht. „Dive Operators Community Komodo“ (DOCK) war ein Zusammenschluss heimischer Tauchbasen, die höchste Sicherheitsstandards garantierten,  für faire Löhne und Arbeitsbedingungen eintraten und mit der Organisation „Trash Heroes“ zusammenarbeiteten. Tim konnte sich nicht erinnern, einen so engagierten Zusammenschluss von Tauchbasen kennengelernt zu haben. Zumeist zerbarsten Einzelinitiativen am Kommerzdenken der Mehrheit. Hier schien die Mehrheit auf der „guten Seite“ zu stehen. Ein gutes Gefühl! Tim war zu tiefst beeindruckt. Wenn jetzt die Unterwasserwelt noch das hielt, was sie versprach wären zehn Punkte zu vergeben. Er betrat noch etwas schlaftrunken das Dailyboat im Hafen von Labuan Bajo.

Derrick sammelte weitere Pluspunkte. Ein kurzes Lächeln, ein helfender Arm der Tim an Bord hievte, ein bequemer Platz im Heck und, das allerwichtigste, ein frischer Kaffee. Der Duft strömte gefühlt über das komplette Deck. Natürlich kein Pappbecher. Frisch gemahlen. Indonesische Bohnen. Gott! Tim konnte sich nicht entsinnen, wann er das letzte Mal sowas gutes gerochen hatte. Ob er überhaupt schon mal etwas so gutes gerochen hatte. „Wird fair in einer Kooperative hergestellt und selbst vermarktet. Wenn ich mit dem Studium fertig bin, will ich den Kaffee nach Europa bringen.“ – erklärte Derrick. Es war Tim noch etwas zu früh für Gespräche, aber der Kaffee war der Hammer und Derrick sehr überzeugend. Tim schloss die Augen und ergab sich dem gleichmäßigen Schaukeln des Bootes. Eine eigenartige Duftmischung aus frischem Kaffee, Salz, Fisch und Holz umwehte seine Nase, während die Morgensonne sanft sein Gesicht wärmte. „So könnte jeder Morgen anfangen.“ – dachte Tim. Er war kurz eingeschlafen. Als er wieder wach wurde, grinste ihn ein Frauengesicht breit an. „Pauline?“- entfuhr es Tim. „Was machst du denn hier?“

 „Ich habe bei meinem letzten Besuch durch Derrick „Coral Guardian“ kennengelernt, eine NGO, die sich für den Schutz der Korallenriffe stark macht. Bei denen will ich, solange mein Geld reicht, mithelfen.“ – erklärte Pauline. „Leute, ihr seid ziemlich krass.“ – brach es aus Tim heraus. „Wie meinst du das?“ – fragte Derrick. „Ich habe schon so einige Flecken besucht, aber selten so viel Engagement gesehen.“- erwiderte Tim. Derrick wurde ernster. „Du hast Bali gesehen?“ – fragte er. „Ja.“- antwortete Tim. „Wir werden nicht zulassen, dass das hier auch passiert.“ – stellte Derrick fest. „Wir sind keine dummen „Eingeborenen“. Wir leben im Einklang mit der Natur, schon immer. Und jetzt studieren wir, damit unsere Heimat eine Zukunft hat. Wir haben uns darum gekümmert, dass das Dynamitfischen aufhört und jetzt kümmern wir uns um sanften Tourismus.“

Den Rest der Fahrt schwiegen die drei. Es gab nichts hinzuzufügen.  Betriebsamkeit durchbrach die entspannte Stille. „Wir sind gleich da.“ – sagte Derrick. Neben Pauline und Tim gehörten noch zwei schwedische Backpackerinnen zu Derricks Gruppe. Derrick stand im Bug des Schiffes und checkte die Wasseroberfläche. Er wog seinen Kopf hin und her, bevor er zu seiner Gruppe zurückkehrte. Er blickte erst Pauline und dann den Rest der Gruppe an. „Wie viele Drifttauchgänge habt ihr schon absolviert?“ – fragte Derrick. Erleichtert stellte er fest, dass er es nicht mit Anfängern zu tun hatte. Maja und Alice, die Schwedinnen, hatten ein halbes Jahr in Thailand an einer Tauchbasis gejobbt, Pauline gehörte zum Inventar und Tim hatte in Ägypten diverse, auch harte Drifts absolviert. Nichts destotrotz ging Derrick im Briefing nochmal ausführlich auf alle sicherheitsrelevanten Aspekte des Drifttauchens ein. Tim hatte sich die Wasseroberfläche angeschaut. Es wirbelte ganz schön. So eine Strömung hatte er noch nicht gesehen. Er packte sich ein zusätzliches Kilo Blei ins Jacket. Negativabstieg war angesagt. „Wir driften auf maximal 10 m etwa 2 Meilen, dann sammelt uns das Boot wieder ein.“ – erklärte Derrick. „Dein Wort in Gottes Ohr!“ – dachte Tim. „Seid ihr bereit?“ – rief Derrick. „Drei, zwei, eins, los!“ Sie ließen sich rückwärts ins Wasser fallen und verschwanden augenblicklich in der schäumenden Strömung.

Tim hatte es mächtig durchgeschüttelt. Ringsherum Blasen. Wo war oben, wo war unten? Tim sah unter sich etwas Rotes verschwinden. Als er sich gefangen hatte, schaute er in zwei Maskenpaare. Pauline und Derrick befanden sich direkt vor ihm, Maja und Alice dahinter. Jetzt erkannte er auch, was unter ihm in der Tiefe verschwand. Es war seine Boje. „Na toll!“ – dachte Tim. „Du machst mal wieder eine gute Figur.“ Viel Zeit zum Nachgrübeln blieb nicht, denn die Strömung hatte sie auch hier, in 5 m Tiefe, voll erfasst. Derrick fragte das OK ab und wies Tim seinen Platz an Paulines Seite zu und ab ging der Flug. Tim liebte Drifttauchgänge. In solch einer Wucht hatte er sie aber noch nicht erlebt. Pauline hatte recht gehabt, als sie ihn im Vorfeld warnte. Wenn du hier nicht aufpasst, weht es dich nach Taka Tuka Land.

Statt nach Taka Tuka Land wehte es die Gruppe an einem beeindruckenden Korallenriff vorbei. Tim hatte in Vorfeld gelesen, dass Komodo im sogenannten Korallendreieck liegt, dem Tauchgebiet mit der weltweit größten Biodiversität. Hier kamen 75 % aller Steinkorallen vor. Gefühlt hatte Tim bereits in den ersten 10 Minuten ihres Tauchganges die Hälfte davon gesehen. Er fragte sich immer wieder, wie es die mächtigen Fächerkorallen schafften, solche Ausmaße anzunehmen. Vor ihnen öffnete sich ein langgezogenes Plateau. Derrick wies die Gruppe an, näher am Grund zu tauchen. Ihr Tempo verringerte sich dadurch. Tim beobachtete fasziniert die Sonnenstrahlen, die sich in einer riesigen Anemone brachen, als es plötzlich dunkler wurde. Tim hob leicht den Kopf und schrak ungewollt zurück. Zwei riesige „Fühler“ gefolgt von einem weißen Bauch glitten über ihn hinweg und warfen einen mächtigen Schatten. Als das „Ding“ weg war und Tim erschrocken hinterher schaute, erkannte er die „Tragflächen“ dieses unwirklichen Fliegers, die sich behäbig auf und ab bewegten. Tim drehte sich zu Pauline und hob den Finger, wie ein Erstklässler, der unbedingt die Aufmerksamkeit der Klasse auf sich ziehen wollte. Pauline grinste nur, zeigte das OK an und signalisierte ihm, abzuwarten. In diesem Moment folgte das gesamte „Geschwader“. Drei Flieger in Formation glitten über Tim und Pauline hinweg. Die Strömung ausnutzend, erfolgte nur alle Jubeljahre ein Flossenschlag. Danach wurden es immer mehr. Tim drehte sich auf den Rücken. Mindestens 15 Manta Rays flogen über sie hinweg. Während Tim seine GoPro zückte, richtete er sich unbemerkt leicht auf und versperrte so einem Rochen den Weg. Als er den Blick hob, hatte sich einer dieser Kolosse direkt vor ihm aufgerichtet. Beide standen sich gegenüber und schauten sich an. Tim war so verblüfft, dass er statt des Mantas die ganze Zeit den Grund filmte und ihm der Regler aus dem Mund fiel. Als er sich nach unten drehte, um den Regler wieder aufzunehmen, glitt der Manta über ihn hinweg und verpasste ihm mit der Flosse im Vorbeischwimmen einen Schulterklopfer. Tim schüttelte fassungslos den Kopf.

Derrick hatte die Gruppe um sich versammelt und seine Boje gesetzt. Als sie aufgetaucht waren, trieben sie an der Wasseroberfläche auf das Boot zu. Glücklicherweise war hier die Strömung nicht ansatzweise so stark, wie an ihrer Einstiegsstelle. Wer noch nicht ins Boot geklettert war, hielt sich an einer Schwimmleine fest und zog sich nach und nach zur Leiter. An Bord befreiten sich alle von ihrer Ausrüstung. Tim setzte sich hin und schüttelte erneut den Kopf. Das war die beeindruckendste Begegnung, die er bisher unter Wasser gemacht hatte. „Nur schade, dass es davon kein Foto gibt.“ – dachte Tim. In diesem Moment setzte sich Pauline neben ihn und zeigte ihm das Display ihrer Digitalkamera. Darauf Tim und der Manta Ray, wie sie sich gegenüber stehen. Tim fiel Pauline um den Hals.

Abends saßen Tim, Pauline und Derrick bei einem Bier am Strand. „Danke Leute, das war einer der besten Tauchgänge meines Lebens!“ – fing Tim an. „Ich kann absolut nachvollziehen, dass du dich so für deine Heimat einsetzt, Derrick. Ich werde meinen Freunden erzählen, was für wunderbare Arbeit ihr hier leistet.“ Derrick grinste und stieß mit Tim an. Gemeinsam genossen sie den Sonnenuntergang. „Und morgen lernst du die andere Seite von Komodo kennen.“ – sagte Derrick. „Wie meinst du das?“ – fragte Tim. „Unsere Drachen.“- antwortete Derrick.

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Matthias Heine
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