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Ras Mohammed - Was macht Napoleon in Ägypten?

Ras Mohammed gehört zu den besten Tauchplätzen der Welt - Drop Offs, Fischschwärme, Korallen - Wanderlust in Ägypten
Matthias Heine
27.01.21 08:00

Tim wurde von einem langgezogenen, hölzern klingenden „Urrrrrrg“ geweckt. Langsam öffnete er die Augen und versuchte, sich zu orientieren. Es war stockfinstere Nacht. Er lag in seiner Kabine. Jetzt erst bemerkte er, wie er im Bett hin und her rollte. Während er da lag und immer noch versuchte, die Situation zu verstehen, erklang wieder ein langanhaltendes „Urrrrrg“. Wach werden dauerte bei ihm immer eine halbe Ewigkeit. Und wenn dann nicht schleunigst eine Tasse Kaffee zur Hand war, arbeitete das Hirn erstmal auf Sparflamme. Ein drittes „Urrrrg“ riss ihn aus seinem Traumzustand. Er setzte sich auf seine Bettkante. Auf dem Kabinenboden lag allerhand Kleinzeug herum – Handy, Tempotaschentücher, Wasserflasche . Im Sitzen wurde ihm klar, dass sie sich in recht schwerer See befanden. Einmal mehr war er froh, dass ihn das in der Regel nicht störte und er trotzdem schlafen konnte, wie ein Baby. An Schlaf war jetzt aber nicht mehr zu denken. Er schnappte sich seine Uhr. „4 Uhr, na super“, dachte er. Ein erneutes „Urrrg“ konnte er besser lokalisieren. Im Halbschlaf hatte er noch gedacht, der Holzkahn würde so vor sich hin knarzen. Doch jetzt wurde ihm klar, dass das Geräusch aus der Nachbarkabine kam. „Oh je“, dachte Tim. „Da opfert jemand fleißig dem Keramikgott“. Er beschloss mal an Deck zu gehen und die Lage zu checken.

Weiße Gischt verzierte wie Zuckerguss mächtige, schwarze Wellen, die hinter dem Boot zusammenschlugen. Der Kapitän versuchte durch Kreuzen das seitliche Schaukeln zu minimieren, der Erfolg war eher mäßig. Mohammed, der Guide, kam um die Ecke und wog seinen Kopf hin und her. „Super Idee, nachts zu fahren,“ sagte Tim mit einem ironischen Grinsen und reichte Mohammed eine Zigarette. Er hatte gelernt, solange die ägyptischen Jungs entspannt ihrer Arbeit nachgingen, war alles im grünen Bereich. Nur Mohammed machte sich wie immer Sorgen um seine Gäste. Gemeinsam tranken sie einen Kaffee und schauten auf die wilde See, die die deutschen Landratten gerade um die letzte Mahlzeit brachte. „Wann kommen wir an?“, fragte Tim. „In einer Stunde“ erwiderte Mohammed. „Na dann können die Leute bis Sonnenaufgang noch etwas Platz in ihren Mägen schaffen“, sagte Tim mit einem süffisanten Grinsen. Mohammed lachte und schüttelte den Kopf.

Pünktlich zum Sonnenaufgang erreichte das Boot Ras Mohammed. Die ersten Sonnenstrahlen tauchten den „Kopf Mohammeds“, den markanten Felsen an der Südspitze des Sinai, in beinahe goldenes Licht. Vereinzelte Safarigäste betraten das Deck und bewunderten das Schauspiel. Langsam verwandelten sich ihre, von der Nacht, versteinerten Mienen wieder in fröhliche Gesichter. „Was für ein Ritt“ bemerkte Herbert. Er und seine Frau Renate waren alte Hasen. Als der Schleudergang begann, war zwar auch ihre Nacht vorbei, aber sie hatten es sich im Salon bequem gemacht und die weniger entspannten Gäste beruhigt und mit Tee und Kaffee versorgt. Herbert war der witzige, aber resolute Kompaniechef und Renate die fürsorgliche, patente Großmutter. Timm mochte die beiden und hatte gerade Herbert direkt ins Herz geschlossen. Er war in Deutschland bei der Bundespolizei und mit Mitte 40 in Pension gegangen. Wie sowas geht, hatte er nicht verraten. Jedenfalls hatte er danach mit seiner Renate eine Tauchbasis in der Nähe von Sharm El-Sheikh eröffnet. Nach 20 Jahren, während der arabischen Revolution, war sein ägyptischer Ziehsohn und potenzieller Nachfolger von der Armee erschossen worden. Da reichte es den Beiden, sie verkauften ihre Basis und kehrten nach Deutschland zurück. „Die Menschen sind super, die Tauchplätze ein Traum, aber mit der Politik und der Regierung in diesem Land will ich nichts mehr zu tun haben. Denen ist nicht mehr zu helfen“ hatte Herbert mal gesagt. Seiner Begeisterung fürs Tauchen hatte das nicht geschadet. Mehrmals im Jahr gingen die Beiden auf Safari. Und so kommandierte der Kompaniechef alle Gäste zum ersten Tauchgang. Tim hatte die Ehre sein Buddy sein zu dürfen, da sich Renate um Tims stark mitgenommenen Kabinennachbarn und 3 weitere Gäste kümmern wollte. Herbert war etwas angefressen. „Durch diese unsinnige Nachtfahrt verpassen jetzt 4 Leute einen der besten Tauchgänge, die man in Ägypten machen kann“, sagte er erbost.

Der Kapitän steuerte das Boot vorsichtig rückwärts an das Riff heran. Die Guides hatten ihre Gruppen sortiert und gecheckt. Alle standen auf der Plattform und warteten auf das Startsignal. „Delphine“ rief Herbert und zeigte nach rechts. Alle Köpfe schauten ruckartig in diese Richtung. Währenddessen zwinkerte Herbert Tim zu und gab seiner Gruppe das Go. „Du alter Fuchs“ dachte Tim, während er mit dem Rest seiner Gruppe ins Wasser sprang. Bevor die anderen Gruppen realisiert hatten, was gerade passiert war, tauchte Herberts Gruppe bereits ab. Dieser kleine Spaß hatte dafür gesorgt, dass nun keine andere Gruppe vor ihnen her tauchte. Zwar waren innerhalb kürzester Zeit weitere Safariboote aufgetaucht, aber Herberts Kasernenton hatte die Taucher auf ihrem Boot als erste tauchfertig sein lassen. Tim kam nun in den Genuss zur ersten Tauchgruppe des heutigen Tages zu gehören.

In 5 m Tiefe sammelte sich die Gruppe und machte einen schnellen Bubble Check. Herbert fragte bei der Gruppe das ok ab und weiter ging es ins tiefe Blau. Naja, so tief war es dann auch wieder nicht, denn unter ihnen zeichneten sich bereits die Umrisse von Anemone City ab. Die balkonartige Fläche war mit einer unüberschaubaren Anzahl Anemonen übersät, die in der Strömung ihren Tanz aufführten. Die Gruppe verteilte sich und erkundete den Tauchplatz. Überall wimmelte es geradezu von Anemonenfischen, die die umliegenden Anemonen bewohnten. Unweigerlich musste Tim an eine Einfamilienhaussiedlung denken. Und ähnlich verhielten sich auch ihre Bewohner. Kam man der heimischen Anemone zu nahe, machten einen die Bewohner unmissverständlich klar, dass man in ihrem Vorgarten nichts verloren hatte. Sophie, die Fotografin der Gruppe näherte sich vorsichtig immer weiter einer einzelnen Anemone, um möglichst gute Aufnahmen der bewohnenden Anemonenfische zu schießen. Während der ängstlichere Bewohner vorsichtig aus der Anemone herauslugte, machte der Hausherr keinen Hehl aus seinem Missfallen und näherte sich seinerseits der Fotografin. Da offensichtlich keiner von beiden vorhatte, den Platz zu räumen, begann der Anemonenfisch das Gehäuse der Kamera zu attackieren. Tim liebte diese kleinen, mutigen Fische und beobachte amüsiert, wie dieser Minifisch die Besitzverhältnisse klar stellte. Sophie drehte ab und die Gruppe sammelte sich am Rand der Terrasse. Herbert gab die Richtung vor und die Gruppe tauchte ins blaue Nichts ab.

Auf 20 m Tiefe hatte sie die Strömung voll erfasst. Rundherum war alles in ein tiefes Blau gehüllt. Die eindringende Morgensonne sorgte für tolle Glitzereffekte. Langsam glitten sie freischwebend dahin. Obwohl an diesem Tag mindestens 30 m Sicht herrschten, war unter ihnen nichts als dunkles Blau erkennbar. Kein Wunder. Immerhin ging es hier bis auf 700 m runter. Tim wurde vom Gefühl der Schwerelosigkeit übermannt und drehte sich immer wieder um seine eigene Achse, um diese Atmosphäre voll auf sich wirken zu lassen. Plötzlich, wie aus dem Nichts tauchte das Shark Reef auf. Über und über mit Korallen bewachsen bildete es Lebensräume für verschiedenste Fischarten. Gerade die kleinen, bunten Fische die in riesigen Schwärmen einzelne Korallenblöcke umschwirrten, hatten es Tim angetan. Er konnte sich an ihrer Farbenvielfalt gar nicht satt sehen. Anfänglich bedauerte er beinahe, dass es ihn regelrecht an ihnen vorbei trieb. Aber mit der Zeit hatte er seinen Rhythmus gefunden. „Darum der Name Tauchsafari“, dachte er. „In der Savanne sitzt man im Jeep und betrachtet die Tiere. Wir hängen in der Strömung und werden durch die Unterwasserlandschaft getrieben.“ Immer neue Korallen- und Fischarten kamen ins Blickfeld. Darunter riesige Fächerkorallen, die ihren fragilen Schirm in der Strömung aufgespannt hatten. Wieder überquerte die Gruppe einen blauen Dropoff. Die unendliche Tiefe löste einen kleinen Schauer bei Tim aus. Gleichzeitig war er von den Dimensionen des Meeres mehr als beeindruckt.

Das Yolanda Reef stand dem Shark Reef in nichts nach. Erstmals nahm sich Tim Zeit, auch mal nach links zu schauen. Sophie hatte ihn schon am Shark Reef auf einen großen Schwarm Fledermausfische aufmerksam gemacht, der ihren Weg kreuzte. Nun tauchten immer öfter verschiedenste Fischschwärme auf. Tim bereute es mal wieder, wie wenig er sich mit den einzelnen Arten auskannte. Plötzlich tauchte ein größerer Schatten auf, der in einen Schwarm eintauchte. „War das ein Hai?“, fragte sich Tim. So schnell, wie der Schatten aufgetaucht war, so schnell war er auch wieder weg. Die Wahrscheinlichkeit hier auf einen Hai zu treffen, war relativ hoch. Gleichzeitig kannte er die abschätzigen Endlosdiskussionen nach einem Tauchgang, wenn nur ein Gruppenmitglied einen potenziellen Hai gesichtet hatte. Er beschloss, die Begegnung für sich zu behalten.

Diverse Kloschüsseln am Grund signalisierten das Ende des Tauchganges. Die Ladung der „Yolanda“, der das Riff seinen Namen verdankte, bestand überwiegend aus Sanitärkeramik. Unweigerlich stellten sich Erinnerungen an deutsche Baggerseen ein. Ein fetter Napoleon beendete ganz schnell wieder dieses Déjà-vu. Der dicke Brummer kam wie auf Bestellung. Seelenruhig zog er an der Gruppe vorüber und sorgte für tolle Abschlussfotos. Nach ein paar Minuten setzte Herbert seine Boje und wir glitten in den Sicherheitsstopp.

Am Frühstückstisch begrüßten sie die Versehrten der letzten Nacht. Die frische Luft und Renates Führsorge hatte sie ganz offensichtlich ins Reich der Lebenden zurückgeholt. „Und, wie war´s?“, fragte Tims Kabinennachbar. „Frag nicht“, antwortete Tim unbeholfen und floh an Deck. Dort wartete bereits Herbert mit dem Debriefing. Tim klappte sein Logbuch auf und begann zu schreiben. „Das war ein Weißspitzen-Riffhai“, sagte Herbert. „Du hast ihn auch gesehen?“, fragte Tim verblüfft. „Der hat uns doch mindestens 5 Minuten begleitet“, erwiderte Herbert. Tim lachte und ließ sich Herberts Stempel ins Logbuch drücken. „Was für ein Tauchgang!“

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Matthias Heine
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