Foto von Lexi&Bö

Raja Ampat – Hier kommen kleine Meeresbewohner ganz groß raus

Wanderlust besucht Raja Ampat. Die indonesischen Inseln der Superlative überzeugen auch im Kleinen. Mit Seepferdchen auf du und du.
Matthias Heine
16.06.21 14:30

Zwei Sachen waren für Tim immer ein Trigger: exotisch-bambusgedeckte Häuser und bunte Schirmchen-Cocktails. Der Raja Ampat-Stand wirkte geradezu, wie ein Magnet. Bereits zweimal hatte er ihn auf seinem Messerundgang passiert. Gegen Ende des Tages lief er Petra in die Arme, die ihn freundlich, aber bestimmt, aufforderte, doch mal näher zu kommen. Der Stand war wirklich liebevoll gestaltet. Tim bildete sich ein, es würde sogar exotisch riechen. Also nach exotischen Pflanzen, nicht nach Dingen, die man abends am Lagerfeuer als exotisch bezeichnet, nur weil man den Begriff hundserbärmlich vermeiden wollte. Tim fand sich in einer illustren Menschentraube wieder. Der Geräuschpegel war bereits deutlich erhöht, was wohl an den bunten Cocktails lag, den die meisten in der Hand hatten.

„Hallo, ich bin Sibylle“, stellte sich eine junge Frau vor, bevor sie Tim ein Glas hinhielt. „Möchtest du einen Guna-Guna?“ Bevor er antworten konnte, hatte er das Glas bereits in seinen Händen und Raja Ampat einen klaren Punkt gemacht. Wie sich herausstellte, betrieben Petra und Sibylle ein Tauchresort auf Pulau Pef. Das sagte Tim nichts, aber der Abend war ja noch jung.

„Der Name Raja Ampat oder die „Vier Könige“ stammt vermutlich von einer Legende, in der eine Frau sieben Eier findet. Aus vier Eiern schlüpften Männer, die Könige der 4 Hauptinseln wurden. Aus den anderen drei Eiern schlüpften eine Frau, ein Geist und ein Stein“, erklärte Petra. Tim war sich nicht ganz sicher, ob es an der Geschichte oder dem zweiten Guna-Guna lag, aber er verstand nur Bahnhof. Ganz offensichtlich sah er auch danach aus, denn Sibylle lachte lauthals los, als sie mit den nächsten Cocktails um die Ecke bog. „Was ist denn hier los?“, wollte sie von Petra wissen. „Ich erzähle Tim gerade die Gründungslegende von Raja Ampat“, erwiderte sie. „Hör bitte damit auf“, verlangte Sibylle. „Nach deiner gestrigen Erzählung war das nette Pärchen aus Bayern plötzlich verschwunden.“ Petra winkte ab und wollte gerade wieder ausholen, als Tim grinsend bemerkte, „da ist schon was dran.“ Petra rollte mir den Augen. „Toll, zwei gegen einen.“

Zugegebenermaßen war es nicht die Legende, die Tim überzeugt hatte. Es war das Foto eines Seepferchens und wahrscheinlich spielten die Cocktails auch eine Rolle. Hier stand er nun auf dem Flughafen von Jakarta und wurde von schwül-heißen 32° C beinahe erschlagen.

Tim war darauf vorbereitet. Er hatte einen dreitägigen Stopp in Jakarta eingeplant, um erstmal ein wenig zu akklimatisieren. Davon abgesehen, wollte er natürlich auch die Stadt besichtigen und die Unterkünfte in Jakarta waren auch recht günstig. Als er zum ersten Mal die Preise hörte, die in Raja Ampat fürs Tauchen abgerufen werden, wurde ihm leicht schlecht. Ja, die Preise waren durchaus berechtigt, wenn man bedenkt, dass hier praktisch alles herbeigeschafft werden muss. Das änderte aber nichts an der Tatsache, dass sein Budget begrenzt war. Vierzehn Tage bei Petra und Sibylle waren da nicht drin, aber besuchen wollte er sie auf jeden Fall.

Von Jakarta ging es mit dem Flieger nochmal vier Stunden nach Sorong und von dort etwa drei Stunden mit dem Schnellboot weiter. Jakarta stand für das übliche Gewimmel einer südostasiatischen Großstadt. Menschenmassen, die anfänglich sehr anstrengende Hitze, bunte Märkte, aber auch viel Verkehr und schlechte Luft. Mit der Ankunft in Sorong veränderte sich das Bild.  Auch hier war es laut, aber Tim blickte häufiger in lächelnde Gesichter. Es waren die Papuas, die hier einen deutlichen Anteil an der Bevölkerung bildeten. Was ihn am meisten beeindruckte, war ihre offene, herzliche Art. Tim nahm sich die Zeit, Sorong zu erkunden und abends gemütlich essen zu gehen.

Am nächsten Morgen wartete Arif mit seinem Schnellboot auf Tim. An Bord hatten es sich schon fünf weitere Personen bequem gemacht. Tim half Arif, das Boot weiter ins Wasser zu schieben, kletterte an Bord und schon ging die Fahrt los. Der Fahrtwind und das Sonnendach sorgten für angenehm kühle Luft. Das Boot glitt über das spiegelglatte Meer hinweg.

Tim klinkte sich in das Gespräch der anderen Fahrgäste ein. Wie zu erwarten, waren es alle Taucher. Ein Pärchen aus Österreich und 3 Schweizer. Selbst Arif sprach ziemlich gutes Deutsch und so entspann sich ein typisches Tauchergespräch. Arif arbeitete als Guide und Bootsführer. Nach über 10 Jahren an einem Tauchresort unter schweizerischer Leitung beherrschte er neben Englisch, auch Deutsch. Seine Leidenschaft galt den kleinsten Meeresbewohnern. Seepferdchen, Schnecken, Krebsen etc. Daher war er als Guide vor allem bei Unterwasserfotografen sehr beliebt. Angelina und Johannes aus Österreich waren sofort Feuer und Flamme. Tim beschloss, sich mal dezent dranzuhängen. Zwar war Fotografie nicht seine größte Leidenschaft, aber Seepferdchen hatten es ihm angetan.

Irgendwann war Tim kurz eingenickt. Als er wieder aufwachte, fühlte er sich an „Avatar“ erinnert. Das Boot passierte Inseln, die scheinbar über dem Wasser schwebten. Während der Kopf breit und felsig, manchmal dicht bewachsen über das Wasser emporragte, verjüngten sich die Inseln kurz über der Wasseroberfläche so stark, dass sich Tim fragte, wie das rein statisch überhaupt möglich war. Sie näherten sich Pulau Pef. Petra und Sibylle hatten nicht zu viel versprochen. Es war ein grünes Paradies.

Tim sprang vom Boot in das kristallklare Wasser und watete durch den weißen Sand ans Ufer. „Und, aus welchem Ei ist die Insel geschlüpft“, begrüßte Tim Sibylle. Sie verdrehte die Augen und umarmte ihn. „Schön, dass du da bist.“ Petra lief auf Angelina und Johannes zu. Offensichtlich waren die beiden keine Unbekannten. Gemeinsam mit den Schweizern half Tim Arif beim Entladen des Bootes. Sibylle machte mit Tim einen kurzen Rundgang durch das Resort. Hier war nichts dem Zufall überlassen worden. Traditionell-indonesisch anmutende Hütten standen auf Pfählen am Ufer. Das gesamte Gelände war sehr weitläufig und geschmackvoll gestaltet. Die Häuser waren der Knaller. Tim ließ sich auf ein weiß bezogenes Bett fallen und blickte hinaus aufs  Meer. Spätestens jetzt verstand er, warum Raja Ampat zu den Top-Tauchdestinationen dieses Planeten zählte.

Arif, Angelina, Johannes und Tim hatten sich zu einem Early-Morning-Dive verabredet. Sie trafen sich mit einer Tasse Kaffee zum Briefing, räumten danach ihre Ausrüstung aufs Boot und los ging es. Die Fahrt dauerte knapp 20 Minuten. Während Arif nochmal kurz den Tauchgang erläuterte, machte sein Assistent Dihan das Boot fest.

Mit 28° C hielt sich die Abkühlung beim Sprung ins Wasser in Grenzen. Tim hatte sich für Badeshorts und UV-T-Shirt entschieden. Nach einem kurzen Bubblecheck zeigte Arif die Richtung an und sie tauchten los. Tim war korallentechnisch von Ägypten recht verwöhnt. Aber das hier toppte nochmal alles. Korallen in allen Farben und Formen. Teilweise bildeten die Korallen einen regelrechten Teppich. Als ersten Knaller präsentierte Arif einen Ghost-Pipefish. Sowas hatte Tim noch nie zuvor gesehen. Vorsichtig machte er Platz, damit Angelina und Johannes Fotos machen konnten. Der Ghost-Pipefish störte sich daran wenig und verblieb regungslos in seiner Position. Nach ein paar Minuten erreichten sie eine Seegraswiese. Arif hielt konzentriert Ausschau und innerhalb kurzer Zeit zeigte er Tim das erste Seepferdchen. Vor dem Tauchgang hatte Arif erklärt, dass Seepferdchen sehr reviertreue Tiere sind und wir unbedingt vermeiden sollten, sie zu stören. Tim verhielt sich darum besonders vorsichtig, obwohl er am liebsten noch näher herangetaucht wäre. Während Angelina und Johannes ihre Fotos machten, entdeckte Arif bereits das nächste Seepferdchen. Insgesamt drei Seepferdchen zeigten sich auf der Seegraswiese. Wahrscheinlich waren es aber deutlich mehr, denn die Kleinsten unter ihnen sind nur mit sehr viel Glück zu erkennen. Langsam kehrten sie zu ihrem Boot zurück. Neben einem Felsen lag etwas, das Tim zuerst für eine achtlos weggeworfene Decke hielt. Arif griff nach Tims Arm und signalisierte ihm, sich nicht zu bewegen. Er winkte Angelina und Johannes heran und machte dann das Zeichen für einen Hai. „Ein Hai?“, dachte Tim. Aber dann erinnerte er sich, dass Arif im Briefing den Wobbegong-Shark erwähnt hatte, auf Deutsch Teppichhai. „Naja, ganz falsch habe ich mit der Decke nicht gelegen“, dachte Tim. Vorsichtig näherten sie sich dem Hai. Aus der Nähe konnte man die Kiemenbewegungen und die Augen erkennen. In diesem Moment verließ der Hai ganz in Ruhe seinen Platz und schwamm an ihnen vorbei. Besser hätte der Tauchgang nicht enden können.

Zurück auf dem Boot steuerte Arif den nächsten Strand an. Dihan bereitete einen köstlichen Imbiss zu. Während sie im Schatten eines Baumes den Tauchgang Revue passieren ließen, fragte Angelina Tim, „Du willst wirklich nur drei Tage hier bleiben?“ „Schauen wir mal“, erwiderte Tim grinsend.

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Matthias Heine
Kommentare
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  • Jedes mal wenn ich die Geschichte lese,ist es so als wäre ich dabei,großartig,freue mich beim Club dabei zusein.
    freu mich noch auf viele geschichten von dir.
    lg Manuela