Foto von Lexi&Bö

Bonaire - Karibik auf Holländisch

Wanderlust besucht Bonaire. Die Karibikinsel bietet holländischen Charme und überwältigende Tauchgänge.
Matthias Heine
09.07.21 14:00

Manche Reise beginnt an völlig unerwarteten Orten. Tim war von einem Buddy zu einem Hollandwochenende eingeladen worden. Völlig selbstverständlich hatte er sich auf die Nordsee eingerichtet. Umso überraschter war er, als er „Kapel Avezaath“ in sein Navi eingegeben hatte.

Ihn erwarteten satt-grüne Wiesen, wunderbar frische Luft und ein typisch holländisch-aufgeräumter Campingplatz. Spielende Kinder tobten herum oder erfrischten sich auf einer riesigen, aufblasbaren Rutschenlandschaft, die auf einem kleinen See schwamm. Nachdem Tim sein Zelt aufgebaut hatte, zog es ihn zu der kleinen Tauchbasis, die an diesem See residierte. Ein oliv-farbener Seecontainer diente als Materiallager, Büro und Erinnerungsbox. Überall hingen Fotos, Wimpel und diverse Aufkleber von Tauchclubs und Armeeeinheiten. Ein Sonnendach mit Lichterkette lud zum schattigen Verweilen ein und auf dem See schwamm ein Ponton mit Sitzgruppe.

Ein kurzes „Hallo“ riss Tim aus seinen Gedanken. Neben ihm stand ein bulliger, etwa 80-jähriger Mann mit weißen Haaren und buschigem, weißen Schnäuzer, der ihn freundlich anlächelte und ihm eine riesige Hand zum Gruß entgegenstreckte. Der Händedruck war nicht weniger beeindruckend. Tim erklärte ihm bei einem Kaffee, mit wem er verabredet war. „Ach, mit Matthias“, erwiderte nickend der Tauchbasenbesitzer. „Was hältst du davon, wenn wir schon mal einen Tauchgang machen?“, fragte er. „Gerne“, antwortete Tim.

Eine Viertelstunde später sprangen beide ins Wasser und genossen die Abkühlung. Zu Tims Begeisterung sah er bei diesem Tauchgang seinen ersten Wels, wenn auch in Miniaturausführung. Nach dem Tauchgang gönnten sich beide ein kühles Bier und Tim bekam eine Führung durch den Tauchcontainer. Vor allem ein vergilbtes Farbfoto hatte es Tim angetan. Es zeigte einen stroh-blonden, kräftigen, jungen Mann an einem Karibikstrand. Die Ähnlichkeit war unübersehbar. „Bist du das?“, fragte Tim. „Ja“, antwortete der Tauchbasenbesitzer. „Wo ist das?“, fragte er nach. „Curacao.“

Der Tauchbasenbesitzer erzählte ihm, dass er dort als junger Mann seinen Wehrdienst geleistet hatte. Die Insel machte ihn zum Taucher. Ins Tauchen verliebt, hatte er sich auf Bonaire.  „Curacao ist schön, aber Bonaire unvergesslich“, schwärmte der Tauchbasenbesitzer. Tim hörte gebannt den Geschichten von glasklarem Wasser, Haien, riesigen Fischschwärmen und holländischer Gemütlichkeit mitten in der Karibik zu.

Ein hupender VW-Bus unterbrach die beiden. Matthias und seine Kölner Tauchgruppe waren eingetroffen. „Na, worüber unterhaltet ihr euch?“, fragte Matthias. „Über mein nächstes Tauchabenteuer!“, verkündete Tim.

Das Reiseziel stand fest, nun ging es an die Planung. Seit der Zeit des holländischen Tauchbasenbesitzers hatte sich einiges verändert. Die Zeit der Kolonien war vorbei. Den aktuellen Status Bonaires sollte verstehen, wer wollte. Irgendwie gab es weiterhin eine Bindung an die Niederlande und damit bezahlbare Direktflüge von Amsterdam nach Bonaire. Besser gesagt zum „Flamingo International Airport“ nahe Kralendijk. Konnte ein Flughafen mehr nach Urlaub und Karibik klingen? Tims Vorfreude wuchs.

Früher war Tim am liebsten allein gereist. Abenteuer, neue Leute kennenlernen, so in etwa. Mit einem Buddy zu reisen, hatte aber unschlagbare Vorteile. Man konnte die Kosten teilen, kannte seinen Dive-Buddy und im Zweifel saß man abends nicht allein in der Strandbar. Kurze Anfrage in seiner Community und nach nicht einmal 1 Stunde hatte Sophie Interesse bekundet. Tim hatte sie auf einer Tauchbasis in Spanien kennengelernt. Die Idee, gemeinsam auf Tour zu gehen war nicht neu. Neu war der Umstand, dass auch Sophies Schwester Nicole und ihre Freundin Jenny mitkommen wollten. „Das passt doch perfekt“, dachte Tim. Sie brauchten einen Pickup und der hatte vier Plätze. Jetzt noch ein Appartement für vier und schon wird das Bonaire-Abenteuer deutlich günstiger.

Die Gruppe hatte sich 8 Uhr zum gemeinsamen Einchecken und Frühstück am Flughafen in Amsterdam verabredet. Tim war etwas spät dran, erkannte aber Sophie in der Nähe ihres Schalters. Leise schlich er sich an und tippte ihr auf die Schulter. Als sie sich umgedreht hatte, umarmte er sie freudestrahlend und fing sich eine. Tim zuckte zusammen. Weniger vor Schmerz, als aus völliger Überraschung. Eine Frauenstimme meldete sich zu Wort. „Das ist übrigens Nicole, meine Zwillingsschwester.“ Links von Tim standen zwei junge Frauen. Endgültig verwirrt, schaute Tim zwischen den beiden Frauen und der Schlägerin hin und her. Während die drei Frauen in schallendes Gelächter ausbrachen, begann Tim langsam zu begreifen. Vor ihm stand Nicole und nicht Sophie. „Kein schlechter Schlag“, sagte Tim sichtlich beeindruckt. Er blickte zu Sophie. „Du hättest mir ruhig mal sagen können, dass du eine Zwillingsschwester hast.“ „So hinterlässt euer Kennenlernen doch einen viel bleibenderen Eindruck“, erwiderte Sophie.

Der Flug dauerte knapp 10 Stunden und dank Zeitverschiebung kamen sie am frühen Nachmittag in Kralendijk, dem Hauptort von Bonaire, an. Die Einreise gestaltete sich völlig unkompliziert und direkt vorm Flughafengebäude wartete ihr Pickup auf sie. Alle vier hatten komplettes Tauchgepäck dabei. So konnten sie schon mal das Geld für Leihausrüstung sparen.  Während des Fluges hatten sie einen Einkaufszettel geschrieben. Ihr Bungalow war voll ausgestattet und so hatten sie beschlossen, sich weitestgehend selbst zu versorgen. Es war schon verrückt, um 8 Uhr hatten sie sich in Amsterdam am Flughafen getroffen und um 17 Uhr standen sie in einem Supermarkt in der Karibik. Ihr Bungalow lag direkt am Strand. Den ersten Abend mit einem Bad im Meer zu beenden, war da Pflicht.

Tim saß auf der Veranda, blickte aufs Meer und biss in eine saftige Ananasscheibe. „So müsste jeder Morgen beginnen“, dachte er. Jenny setzte sich mit einem frischen Kaffee zu ihm. Bereits auf dem Flug hatte sie ihm erzählt, dass sie mehrere Monate als Divemasterin auf Bonaire gejobbt hatte. „Na, Reiseleiterin, was ist dein Plan für den heutigen Tag?“, fragte er sie. „Ich dachte, wir schauen uns heute Vormittag erstmal die Stadt an. Den Nachmittag verbringen wir am Strand und gegen Abend holen wir uns die ersten Tauchflaschen“, antwortete sie. „Klingt gut“, erwiderte Tim. Mittlerweile waren auch Sophie und Nicole aufgestanden. Tim war immer noch verblüfft. Abgesehen von einer Tätowierung am Schulterblatt waren die beiden für ihn noch nicht auseinander zu halten.

Am Abend besuchten sie Jennys alte Tauchbasis. Sie wurden freudig begrüßt und dank Jenny erhielten sie für die Flaschen einen super Preis. Auf Bonaire gab es viele Tauchplätze, die bequem von Land aus betaucht werden konnten. An den Straßen lagen gelbe Steine mit den Namen der jeweiligen Tauchplätze. Wer mit Pickup unterwegs war, konnte so völlig autark die Insel und die Tauchplätze erkunden. Die Gruppe hatte sich für Two-Tank-Tauchgänge entschieden. Also für jeden zwei Flaschen mitnehmen, zwei Tauchspots hintereinander anfahren und nachmittags chillen.

Ihr erster Tauchspot hatte auf Bonaire einen zweifelhaften Ruf. „1000 Steps“ hatte seinen Namen nicht von ungefähr. Sie parkten ihren Pickup auf einer Klippe. Die Tauchgruppe kletterte in ihr Neopren, half sich ins Gerät und los ging es. Vor ihnen lag eine steile Treppe, die von der Klippe zum Strand führte. Der Blick war überwältigend. Links das azur-blaue Meer, dass bis zum gewölbten Horizont reichte, ein menschenleerer Strand, vor ihnen die steile Steintreppe und neben ihnen die gerade aufragenden Klippen.

„1000 Steps“ bezog sich glücklicherweise nicht auf die Anzahl der Stufen. Tim hatte 67 gezählt. Er machte sich dennoch etwas Sorgen, hier nachher wieder hoch klettern zu müssen. Aber jetzt stand erstmal der Tauchgang an. Im hüfthohen Wasser hatten sie sich nochmal gecheckt. Jenny bildete mit Nicole ein Buddyteam, Tim und Sophie hängten sich hinten dran.

Erwartungsgemäß ging es flach rein. Durch die leichte Brandung wurden Sand und Kleinteilchen aufgewirbelt, die Sicht war dennoch überraschend gut. Vereinzelte Hart- und Weichkorallen säumten ihren Weg. Mit Zunahme der Korallen begegneten sie auch immer mehr kleinen, bunten Fischen. Sie auseinander zu halten war noch nie Tims große Stärke. Der Sandstrand ging in Geröll über, bis sie den Dropoff erreichten. Sie folgten der Kante in südlicher Richtung und genossen ihren ersten Bonaire-Tauchgang. Tim war sofort aufgefallen, wie erfahren seine Gruppe war. Sophie und Jenny brauchten wahnsinnig wenig Blei und alle bewegten sich äußerst kraftsparend. Tim wurde durch ein Stoppzeichen Nicoles aus den Gedanken gerissen. Sie zeigte ins dunklere Blau. Erst nur schemenhaft, dann immer deutlicher zeichnete sich die Silhouette eines großen Mantas ab. Tim faszinierten die „Flugbewegungen“ dieser eleganten Meeresbewohner. In aller Seelenruhe zog er an ihnen vorbei.

Die beiden Tauchgänge des Tages saßen allen in den Knochen. Man hatte sich daher dazu entschieden, am ersten Tauchabend in Kralendijk essen zu gehen. Die Stadt vermittelte eine pittoresk-holländische Atmosphäre. So auch ihr Restaurant. Abgesehen von den Temperaturen und dem glasklaren Wasser hätten sie ebenso gut an einer Gracht sitzen können. Tim war völlig aus dem Häuschen, als er las, dass er hier auch seine heiß geliebten Pommes mit Joppiesauce bekam. Dass ihn die anderen dabei etwas verwirrt anschauten, störte ihn nicht im Geringsten. Gemeinsam stießen sie auf ihren ersten Tauchtag auf Bonaire und den Umstand, dass sie die „1000 Steps“ wieder hinauf geschafft hatten, an. Vor allem Jenny war es, die an diesem Abend von ihren Tauchabenteuern auf Bonaire berichten musste. Sie zeigte ihnen ein Foto vom vermutlich größten Fischwirbel, den die Gruppe jemals gesehen hatte. Damit stand fest, wie es am nächsten Tag weitergehen sollte.

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Matthias Heine
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