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Bikini-Atoll - die Wracks der Atombombe

Wanderlust taucht an der USS Saratoga
Matthias Heine
21.05.21 15:15

Die Morgendämmerung ging langsam in einen grandiosen Sonnenaufgang über. Der perl-weiße Strand des Bikini-Atolls begann sich sanft zu erwärmen und die Feuchtigkeit wich von den, sich rhythmisch im Wind wiegenden, Palmen. Ein neuer Tag im Paradies. Den surrealen Kontrast bildeten an die 100 Schiffe, welche im Atoll vor Anker lagen. Handelsschiffe, japanische Kriegsschiffe bis zum 270 m langen amerikanischen Flugzeugträger USS Saratoga.

Die 161 Bewohner Bikinis hatten zu diesem Zeitpunkt ihre Heimat bereits „vorübergehend“, wie man ihnen versprochen hatte, verlassen.  Der Militärgouverneur der Marshall-Inseln, Commodore Ben H. Wyatt hatte sie am 10. Februar 1946 persönlich besucht und in seiner Ansprache mit  denKindern Israels, die der Herr vor ihren Feinden rettete und in das gelobte Land führte“, verglichen. König Juda, der Häuptling des Bikini-Atolls, stimmte der Umsiedlung „zum Wohle der Menschheit“, wie er glaubte, zu.

Am 1. Juli 1946 startete um 5.40 Uhr eine  Boeing B-29 Superfortress. Gegen 8.03 Uhr erblickten die Besatzungsmitglieder vor sich das Bikini-Atoll und die in der Lagune ankernden Schiffe. Der Erstanflug diente der Überprüfung der Wetterbedingungen. In der zweiten Runde wurde ein Bombenabwurf simuliert. Erst beim dritten Anflug um 8.59 Uhr wurde eine Bombe über den Zielschiffen ausgeklinkt.

Hollywoodmäßig hatte das US-Militär diesen Moment vorbereitet. Auf 149 Begleitschiffen wurden Beobachter aus der ganzen Welt Zeuge des Abwurfs. Die Hälfte des weltweit verfügbaren Filmmaterials war herangeschafft worden, um die Szenerie festzuhalten. 158 m über dem Atoll zündete die Bombe und breitete ihre Zerstörungskraft aus. 5 Schiffe sanken innerhalb kurzer Zeit.

Die USS Saratoga hatte die Explosion gut überstanden. Knapp 4 Wochen später installierten die Amerikaner eine baugleiche Bombe in 27 m Tiefe unter den Zielschiffen. Die Detonation setzte enorme Kräfte frei. 10 Millionen Tonnen Korallengestein wurden pulverisiert und in den Himmel gesogen. Den Flugzeugträger erfasste eine riesige Welle und riss ihn beinahe einen Kilometer weit mit sich. 7 Stunden kämpfte das Schiff gegen das eindringende Wasser, bevor es in den Fluten versank. Tim war sich plötzlich nicht mehr sicher, ob man hier tauchen gehen sollte.

Vor 6 Jahren hatte Tim John kennengelernt. Eine Strandbar in Cancun und ein paar Cocktails mit viel zu viel Alkohol später begann John  vom Bikini-Atoll zu erzählen. Tim kannte die Geschichte der Atombombentests. Von den Wracks hatte er noch nichts gehört. Kein Wunder. Jährlich ist es nur knapp 80 Tauchern gestattet, dort auf Erkundungstour zugehen. John hatte sehr gute Connections zu einem Safariboot-Besitzer, der diesen exklusiven Spot ansteuerte. Blieben noch zwei schier unlösbare Probleme: der enorme Preis einer solchen Safari und die angepeilten Tiefen von teilweise 50 Metern und mehr.

Dummerweise beginnt fast jeder Taucher mit der Zeit seine eigene Traumziel-Bucket List zu erstellen. Bikini stand schnell auf Tims Liste. Da es in der Champions League keine Rabatte gibt, hilft nur sparen. Mal 50 Euro von Oma, mal da ein Job, langsam füllte sich das Konto. Der Kontakt zu John brach nie ab und so hatten sie vor zwei Jahren einen gemeinsamen Bikini-Trip gebucht. Und selbst mit diesem Vorlauf war es nur Johns Kontakten zu verdanken, dass sie 2 von 10 Plätzen auf einem Safariboot ergattern konnten. Die nächsten zwei Jahre wurde weiter fleißig gespart und ins technische Tauchen investiert.

Die beiden trafen sich auf Hawaii. Das erste persönliche Treffen verlangte nach einer Fortsetzung ihres legendären Barabends auf Yukatan, allerdings mit deutlich weniger Alkohol. Immerhin lagen vor ihnen körperlich anspruchsvolle Tauchgänge, die genauso viel kosteten, wie ein sehr ordentlicher Gebrauchtwagen. Tim hatte sich während des langen Fluges nochmal mit der Geschichte des Bikini-Atolls, der ehemaligen Bewohner und den Atomtests beschäftigt.

John bemerkte, dass Tim eigenartig in sich gekehrt wirkte. „Was ist los mit dir?“, fragte er. „Ich weiß nicht“, antwortete Tim. „Ist es richtig an so einem Ort tauchen zu gehen? „Was beschäftigt dich?", fragte John. „Naja, wir reden hier von der Atombombe. Die Gegend ist immer noch verstrahlt und den ehemaligen Bewohnern bis heute keine Gerechtigkeit widerfahren“, erklärte Tim. John dachte kurz nach. „Letztlich ist jedes Wrack, ja fast jeder Ort auf dieser Welt mit einer Tragödie verbunden. Alleine der Umstand, dass du dir darüber Gedanken machst, zeigt doch, dass du kein Ignorant bist.“, erwiderte John. „Tauche mit Respekt und Demut, dann ist es auch keine Schande, solche Tauchgänge zu genießen.“

Der Flieger brachte sie am nächsten Tag nach Kwajalein. Zoll, ab zum Hafen, einchecken, Abendessen, los ging es. Das Boot wirkte von außen wie ein Expeditionsschiff. „Auf jeden Fall hochseetauglich“, dachte Tim. Sicherheit stand an erster Stelle. Großer Luxus war nicht zu erwarten. „Besser nicht über den Preis nachdenken“, ergänzte Tim in seinem Kopf. Sie bezogen ihre Kabine und gingen danach Abendessen. Eine 28-stündige Überfahrt nach Bikini folgte.

Während der Überfahrt war das Betreuerteam des Schiffes nicht untätig geblieben. Ausführliche Briefings zu Tauchsicherheit und Rettung und zu den einzelnen Wracks standen auf dem Programm. Wichtiger Punkt war auch das Thema Dekompression, denn jeder der kommenden Tauchgänge sollte dekompressionspflichtig werden. John und Tim bildeten ein Buddyteam und begutachteten die Tauchausrüstung des jeweils anderen. Dann kam die freudige Nachricht. Die USS Saratoga wurde angesteuert.

Das Safariboot hatte geankert und das abschließende Briefing begann. Tim musterte die anderen Taucher. Noch nie hatte er eine solch bunte Mischung auf einem Tauchboot erlebt. Ein australisches Pärchen, ein paar Amerikaner, zwei Schweizer, zwei Japaner und die meisten hatten, wie er, jahrelang für diesen Trip gespart. Ihm gefiel die Atmosphäre und die Vorfreude stieg. Während die Taucher aufrödelten, installierten die Sicherungstaucher das Deko-Reck. „Ok, Leute, los geht`s“, rief der Guide.

Tim und John tauchten ab. Das Wasser war wunderbar klar und blau. Bereits in 12 m Tiefe erschien vor ihnen die Brücke des aufrecht stehenden Wracks und gab einen Vorgeschmack auf das, was noch folgen sollte. Und dann tauchte das Flugdeck auf. Tim traute seinen Augen nicht. Vor ihm lag ein 270 m langes Wrack, welches auf den ersten Blick wahnsinnig gut erhalten schien. Mutter Natur hatte sich des Wracks behutsam angenommen. Ihr Guide gab die Richtung vor und die Gruppe stieg neben dem Wrack immer weiter ab. Sie näherten sich der magischen 50 Meter Grenze. Nach kurzer Zeit erreichten sie ein Flugzeugwrack. Ein Flügel war abgebrochen. Dennoch war es klar als ehemaliges Jagdflugzeug identifizierbar. Als Tim zum Wrack hinüberschaute, lief ihm ein kalter Schauer über den Rücken. Erst jetzt wurde ihm klar, was für ein Monster von Wrack neben ihm stand.

Die Tauchgruppe kehrte zum Bug des Schiffes zurück. An der Steuerbordseite entlang tauchten sie langsam am Wrack auf und begannen das Innere des Flugzeugträgers zu untersuchen. Als erstes entdeckte Tim eine Cola-Flasche, die aussah, als hätte sie gerade erst jemand abgelegt. Der Guide winkte Tim und John zu sich. Im Wrack lag ein Taucherhelm. Undenkbar für die meisten Wracks, die Tim bisher betaucht hatte. Leider waren zu oft Plünderer und Souvenirjäger unterwegs. Die strikten Regeln und begrenzten Taucherzahlen schienen hier zu wirken. Im weiteren Verlauf machte sie ihr Guide auf die doch massiven Beschädigungen aufmerksam, die 2 Atombomben hinterlassen hatten. Ein Wunder, dass das Schiff diese Kräfte überhaupt ausgehalten hatte.

Ihr Tauchgang näherte sich dem Ende oder besser gesagt der Deko. Tim hatte John und den beiden Japanern an Bord sicherheitshalber „Stein, Schere, Papier“ beigebracht, um die Zeit zu überbrücken. Als er das während einer anderen Deko spontan mit einer kanadischen Taucherin spielen wollte, hatte die ihn angeschaut, als wäre er ein perverser Psychopath.

Nach dem Abendessen saßen alle noch gemütlich mit einem Bier an Bord. Einer der Japaner erzählte, dass ein Großonkel von ihm als junger Mann auf der Nagato gedient und diesen Dienst nur knapp überlebt hatte. Nach dem Krieg war sein sehnlichster Wunsch, dass die Menschen nie wieder einen solchen Krieg entfesseln sollten. Er hatte eine japanische Münze dabei, die er zu dessen Ehren auf dem Wrack ablegen wollte, wenn sie es betauchen würden.

In diesem Moment wurde ihm klar, dass keiner an Bord sensationslüsterner Taucher war. Alle waren dankbar für einen unvergesslichen Tauchgang und voller Respekt vor der Geschichte, die dahinter steckte. John reichte ihm noch ein Bier. „Alles gut bei dir?“, fragte er. „Ja, sehr gut“, erwiderte Tim und lehnte sich zufrieden zurück.

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Matthias Heine
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